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Gruppe "Seitenwechsel: Geschichte, Name, Struktur

Auftrag

Kontakte zu (männlichen) Häftlingen in Strafanstalten des Kantons Zürich

Alter der Gruppe

Die Gruppe besteht seit Dezember 1999

Grösse

6 Personen am Anfang; heute 10; 2 davon sind reformiert, zeitweise war ein Portugiese dabei. (Ein 11. Mitglied ist assoziiert, wohnt in Luzern.) Drei Mitglieder unter 30, zwei über 60 Jahren.

Name

Wir wechseln kurzfristig die Seite, gehen hinter die Mauern, lassen uns auf eine andere Lebenswelt und fremde Lebensgeschichten ein.

Sitzungen

6 – 8 im Jahr bei einem Mitglied, vereinzelt im Pfarreizentrum; kleiner Imbiss, Getränke, spiritueller Impuls am Beginn.

Budget

Fr 1500 vor allem für sinnvolle Sachleistungen an Häftlinge

Leitung

Bernd Kopp (Supervisor/Gemeindeberater)

Fachbegleitung

Eva Kopp (Gefängnisseelsorgerin)

Häftlingskontakte

Jedes Mitglied erhält von Eva Kopp einen Häftling genannt, der Kontakt wünscht. Meist beginnt es mit Briefkontakten, führt dann zu Besuchen; Häufigkeit je nach Möglichkeit, oft 1- bis 2-monatlich. Gelegentlich scheint die Teilnahme an der Gerichtsverhandlung wünschenswert. Oft sind Fremdsprachenkenntnisse notwendig oder hilfreich. Gelegentlich werden Wünsche von Häftlingen erfüllt, so Sprachkurse, CD, Ess- oder Rauchwaren. (Vgl. oben: Budget) Mit der Haftentlassung (oft verbunden mit der Ausweisung aus der CH) endet grundsätzlich die Betreuung. Sitzungsinhalte Reihum werden Erfahrungen genannt, Infos gegeben, Probleme (z.B. Nähe und Distanz, Kontaktabbruch, Begegnungen nach der Entlassung....) angesprochen. Willkür der Justiz, Ausländerfeindlichkeit, positive Erfahrungen mit Anwälten und Richtern, politische und ethische Fragen; Informationen aus den Ländern, Kulturen, Familien von Häftlingen kommen zur Sprache, ebenso emotionale Betroffenheit und Religiöses. Eva Kopp gibt regelmässig Einblick in ihre Erfahrungen im Gefängnis und zeigt neueste Entwicklungen auf.

Spezielles

Wichtig ist Diskretion nach Aussen, ggf. nach Innen (Personenschutz). Die Gruppe gestaltet einmal im Jahr einen thematischen Sonntagsgottesdienst. Einige helfen musikalisch oder als Gäste / Gesprächspartner an Gefangenenweihnachtsfeiern mit. Die Gruppe ist ökumenisch offen, ausländische Mitglieder sind wegen ihrer Fremdsprachenkenntnissen geschätzt. Ein Ausflug fand statt: Besuch bei einem ehem. Häftling in St. Gallen, der eine Beiz führt. Ein zweiter ins modellhafte einzige Frauengefängnis in der CH in Hindelbank (bei Bern) ist geplant.

Kontakt

Eva und Bernd Kopp, Müllerwis 14, 8335 Hittnau
Telefon privat: 044 950 57 67, be.kopp@bluewin.ch

G: B. Kopp, Stelle für Gemeindeberatung und Supervision, Bederstrasse 76, 8002 Zürich
044 204 17 80

Erfahrungen der Gruppe "Seitenwechsel"

Begegnungen

Zunächst trifft jede und jeder einen einzelnen Mann an mit seiner konkreten Geschichte. Manches erscheint beim ersten Blick fremd, gar irritierend: eine ausländische Lebenswelt, ein nicht vertrautes Schweizer Milieu, ein ungewohntes Äusseres oder Verhaltensauffälligkeiten, gelegentlich eine ganz sympathische Person mit einem unbegreiflichen Fehltritt. Schnell oder nach einiger Zeit zeigt sich ein Mensch mit Verletzungen, mit einem coolen Schutzpanzer, mit ganz bescheidenen Träumen und anrührenden Erinnerungen. Erschütternde Biographien erhärten die Einsicht: ‚Ich bin nicht besser, ich hatte es nur besser.'

Überraschende Erfahrungen

Eine Grunderfahrung stellt sich beinahe immer ein: fast alles ist sehr verschieden von dem, was man zu wissen meinte, was die Zeitungen berichten und was Krimis vorspielen. Ein spannendes Zerrbild wird hier installiert oder ein von politischen Stimmungen abhängiges Drohbild. Als Folge unserer eigenen Begegnungen lesen wir die Zeitung anders, sehen Politiker mit neuen Augen, erleben Krimis als blosses Spiel und verlieren den naiven Glauben an eine durch und durch gerechte Gerichtspraxis. Neben allerlei bedenklichen Einstellungen kommen andererseits auch engagierte Anwälte und umsichtige Richter ans Licht, wenngleich immer anonymisiert, denn Diskretion und Datenschutz sind oberstes Gebot. Der Austausch in der Gruppe alle 6 Wochen ist unverzichtbar: wie kann ich mit meiner eigenen Ohnmacht umgehen? Was ist bei Besuchen wichtig? Wie erwehre ich mich aufdringlicher Anfragen? Wo finden wir Informationen und Hilfe, wenn ein nachweislich Gefolterter ausgeschafft werden soll? Aber auch frohe und dankbare Gefühle wollen ausgetauscht werden: Blumen aus dem Gefängnis am Heiligen Abend mit dem letzten Sackgeld gekauft, bewegende Gedichte, selbst gemalte Bilder, Tränen beim Gespräch oder beim Zeigen von Fotos, strahlender Besuch eines ‚Briefpartners' mit seiner ganzen Familie nach der Entlassung. Selten kommt man mit Menschen so schnell auf sehr Persönliches und Wesentliches zu sprechen, wie mit Häftlingen, wenn man von ihnen nichts will, sondern für sie in dieser Zeit lediglich offen ist.

Packende Grundsatzdiskussionen

Allgemeine Themen fesseln die Gruppe ebenso: die Frage nach Schuld und angemessener Strafe, nach Gerechtigkeit und einer Therapie, die diesen Namen verdient; die Beobachtung, dass Ausländer es schwerer haben als Schweizer, dass die gute finanzielle Situation eines Angeklagten durchaus – etwa bei der Wahl des Verteidigers – vorteilhaft sein kann oder die Frage nach Vor- und Nachteilen unseres Strafvollzuges sowie die gesteuerte Panikmache samt Konsequenzen auf den Strafvollzug, auf die gesamte Justiz und die Fotos, Forum, Medien. Interessanterweise gibt es keine gesellschaftliche Gruppierung, die keinerlei Lobby in der Politik oder Öffentlichkeit hat. Hier sind Christen gefordert.

Irritierende Glaubenseinsichten
"Ich war im Gefängnis – und Du .... ?"

Nicht zuletzt kommt auch unsere Glaubensüberzeugung ins Spiel: passiert bei der Begegnung mit Gefangenen nicht Begegnung mit Gott, wenn wir an die klaren Worte Jesu denken: "Ich war im Gefängnis und du hast mich besucht!"? (Mt 25,36) Offensichtlich entscheidet sich allein in der Solidarität unsere Nähe zu Gott und unser Ewigsein, d.h. in so vielem anderen, rein Religiösen nicht. Die Gruppe gestaltet jährlich einen thematischen Gottesdienst, Eva Kopp bietet im Firm-Unti ein Atelier an. Alle ‚Seitenwechsler' sind überzeugt, dass sich dieser Wechsel der Seite lohnt: nicht nur für die Betroffenen, denen dadurch ein manchmal sogar überlebenswichtiges, zusätzliches Fenster in ihrer Zelle geschenkt wird, sondern weil sich bei uns neue Horizonte öffnen, weil sich das Gefühl eines eigentlichen Lebens mit einem grossen Atem und bereichernde Dankbarkeit einstellen. Das Gespür, was ‚Erlösung' und ‚Befreiung' konkret bedeuten und auslösen, das bekommt man hin und wieder auch geschenkt. Nicht zuletzt entschädigen der Respekt und das Interesse, das Jugendliche solchem Engagement entgegenbringen, für manch verständnisloses Kopfschütteln, das man auch erntet.

Bernd Kopp

Flyer der Gruppe "Seitenwechsel" Symbol pdf